Weihnachtsfriede 1914 - 24. Dezember - von Max Gurtner

Im Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe im 20. Jahrhundert, war das christliche Abendland zu einem Schlachtfeld geworden. Aber am Heiligen Abend 1914 wurde es still in den Schützengräben. Deutsche Soldaten fingen an, Weihnachtslieder zu singen – wie im Jahr zuvor im trauten zu Hause, mit Frau und Kindern, Eltern, Brüdern und Schwestern.

Auch in den gegnerischen Schützengräben – oft keine 100 Meter entfernt – wurde es still. Auch hier begannen die Soldaten ihre französischen, belgischen und englischen Weihnachtslieder zu singen.

Im Ohr noch den Gefechtslärm, die Schreie der sterbenden Kameraden, beim Geruch der verwesenden Leichen im Niemandsland – da besingen sie die Geburt eines hilflosen Kindes.

Die Friedensapelle des Papstes sind verpufft, militärische Befehlshaber konnten es nicht verhindern: einfache Soldaten haben das Kämpfen gestoppt. „Stille Nacht“ wurde zur Friedenshymne. Sogenannte „Feinde“ wünschten einander Frohe Weihnachten, begruben ihre gefallenen Kameraden, tauschten Geschenke aus, zeigten Fotos von ihren Lieben, spielten sogar Fußball!

Was macht dieses Weihnachtslied „Stille Nacht“ so stark, dass es so viele Menschen rund um den Globus so tief bewegt - weit über die Grenzen der christlichen Welt hinaus?

Die Wirren jener Zeit mögen einiges erklären. Die geistigen Umbrüche der Aufklärung haben viele Menschen unsicher gemacht. Was blieb war der einfache Glaube in den Familien.

Der Komponist von Stille Nacht, Franz X. Gruber, Leinenweber-Sohn, wird wohl behütet und bodenständig aufgewachsen sein. Musikalisch begabt wurde er ein angesehener Lehrer und Organist – eine gefestigte Persönlichkeit. Wir kennen keine größeren Brüche in seinem Leben.

Ganz anders verlief das Leben Joseph Mohrs, des Verfassers des Textes von Stille Nacht. Als uneheliches Kind Anna Schoibers, teilweise von Almosen abhängig, stand er gesellschaftlich – als „Kind der Schande“ - wohl am untersten Rand der Gesellschaft. Der Scharfrichter war sein Taufpate!

Es war die große Liebe der alleinerziehenden Mutter, die den kleinen Joseph so stark gemacht hat, dass er diese traurige Kindheit überwinden und sich mit dem Leben ohne Verbitterung versöhnen konnte. Das machte ihn so frei und offen für das Leben, dass aus Demütigung Poesie wurde.  

Der Domchorvikar hatte seine wunderschöne Stimme entdeckt, er verhalf ihm zu einer Ausbildung, wurde Sängerknabe und das führte ihn auch zum Priestertum.

Seine Lebenslust und sein Freiheitswille, ob die nicht in seinem traditionellen Umfeld an Grenzen gestoßen sind? Pfarrer Nöstler von Oberndorf hat ganz böse Briefe nach Salzburg geschrieben, dass er sich gar nicht priesterlich verhalte…In Oberndorf fand er aber auch einen Freund, der ihn verstand: Franz X. Gruber. Ihm vertraute er sein in Mariapfarr verfasstes Gedicht an, mit der Bitte, er möge eine schlichte Melodie dazu schaffen - für zwei Männerstimmen und Gitarrenbegleitung.

So entstand aus einer innigen Freundschaft zwischen dem draufgängerischen Stadtkind Mohr und dem ausgleichenden Landkind Gruber ein Lied, das so viele Herzen rund um den Globus tief berührt.

Tief im Herzen, wo gesellschaftliche und kirchliche Normen zweitrangig werden, wo wir innerlich einander berühren, dort ist Freiheit und Schönheit. Sie bewegen die Welt – meistens ganz leise.