Gedanken

Nein, Stille Nacht ist nicht vom Himmel gefallen! Ist es ein zufällig gelungener Wurf zweier Freunde, die schnell ein Lied für den Heiligen Abend in Oberndorf  benötigten? Ist es das Werk genialer Künstler? Oder liegen seine Wurzeln einfach in uns Menschen, ganz tief – dort, wo die Menschen einander berühren?

Antoine de Saint-Exupèry hat eine Antwort: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Mit dem Herzen? Das ist jener Ort, wo die Menschen einander begegnen, manchmal mit einer unwiderstehlichen Kraft. Wir kennen das bei Verliebten – aber nicht nur dort. Eine einfache Begegnung kann einen ganz neuen Blick aufs Leben freilegen, einen Blick auf ein DU, auf das ICH, auf mein Schicksal, auf Mitmenschen, auf die Schöpfung.

Als der Priester Joseh Mohr und der Lehrer Franz Xaver Gruber einander begegneten, welcher Blick auf das Leben muss sich da aufgetan haben?

Joseph Mohr, als lediges Kind gesellschaftlich als Kind der Schande markiert, galt in den Augen der moralischen Instanz Kirche als ein Kind der „Sünde“! In der Selbstanzeige vor den Behörden bezeugte seine Mutter, Anna Schoiber, dass ihr Kind durch ein „fleischliches Verbrechen“gezeugt worden sei. Der wohlhabende, aber auch am Rand der Gesellschaft stehende Salzburger Scharfrichter Franz Joseph Wohlmut, übernahm die Tauf-Patenschaft. Die Mutter Anna hatte einen zweifelhaften Ruf. Sie brachte vier ledige Kinder zur Welt, jeweils von einem anderen Mann. Unter diesen Umständen, welche Zukunft konnte der kleine Joseph erwarten?

Es muss die Liebe der Mutter zum kleinen Joseph gewesen sein, was beide stark gemacht hat. Bei Joseph wurde diese Liebe zu Musik. Er hatte eine wunderschöne Stimme. Der Domchorvikar Hiernle ermöglichte ihm eine Schulbildung, Joseph musste aber als Sängerknabe  in St. Peter und im Dom zur Verfügung stehen. Das führte ihn zum Priestertum. Ob das seine ganz freiwillige Entscheidung war?

Als Musiker und Student fand Joseph Mohr früh seine Rolle in der Kirche und in der Salzburger Gesellschaft. Seine gar nicht standesgemäße Herkunft, war das ein Problem? Scheinbar ja.  In Kremsmünster, wo er zwei Jahre das Gymnasium besuchte, wurde er als „elternlos“ geführt. Nur Hiernle wurde als sein Ziehvater angegeben. Joseph Mohr hat also seine Herkunft ausgeblendet, verleugnet, verdrängt? Seine enge Bindung zur Kirche hätte sonst für sein Theologiestudium in Salzburg zum Problem werden können. Sein Weg zum Priestertum war schon vorgezeichnet.

Mariapfarr im Lungau war seine erste Stelle als Priester –  das Stadtkind Joseph fand sich nun in einer Landgemeinde, drei Tagesreisen von der Stadt Salzburg entfernt, wieder. „Was mach ich nun  mit meiner Theologie, wer bin ich?“ mag er sich in dieser für ihn ganz neue Welt gefragt haben. Als Kind der Sünde soll er jetzt die christliche Frohbotschaft verkünden!? Die Freunde von Salzburg plötzlich so weit weg! Das rauhe Klima und seine angeschlagene Gesundheit machten ihm zusätzlich zu schaffen.

Joseph Mohr, muss er nicht mit seinem Gott „bis aufs Blut“ gehadert haben? Muss es nicht ein unendlich langer Weg gewesen sein bis er annehmen konnte, dass er nicht ein Kind der Sünde, sondern ein Kind der Liebe ist? Welche Erkenntnis!: Gott thront nicht als Richter über Gute und Böse, lenkt nicht willkürlich unser Schicksal, sondern er ist ein DU geworden, der unser Leben teilt, der einer von uns geworden ist – als hilfsbedürftiges Kind! Kein Engel, kein Heiliger, keine Hierarchie spielt hier eine Rolle. Diese befreiende Erkenntnis Mohrs mündet in einen zärtlichen Lobpreis, in sein Weihnachtsgedicht Stille Nacht. Er besingt das … traute Heilige Paar,wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss und als Bruder huldvoll umschloss, Jesus die Völker der Welt. Bei all den schrecklichen Umständen jener Zeit stoßt Mohr ein Loblied an!?

Joseph Mohr ließ sich 1817 von Mariapfarr nach Oberndorf versetzen und musste 1819 auch Oberndorf wieder verlassen. Als er sich von Franz Gruber nach zwei Jahren Freundschaft wieder  verabschieden musste, hatte er bitterlich geweint. Wie viele Tränen müssen wohl in Mariapfarr geflossen sein, als er alleine im großen Pfarrhof wie ein verlassenes Kind die Nächte verbrachte und plötzlich in seiner Einsamkeit seine verdrängte Herkunft über ihn hereinbrach und er mit dieser Last allein fertig werden musste!?

Seine tiefe Sehnsucht nach zärtlicher Liebe und seine priesterliche Treue zur Kirche, wie mögen ihn diese beiden Ideale wohl schmerzhaft hin und her gerissen haben?

Joseph Mohr hat die Botschaft der Biebel studiert – er hat sie auch verstanden. Er findet die Erfüllung seiner Sehnsüchte im Alten Testament, im liebenden Gott, der uns Heil verheißen und im Neuen Testament erfüllt hat – als hilfsbedürftiges Kind. Mohr preist Gott zärtlich als DU, … schlaf in himmlischer Ruh …, dieses DU ist Leben, das alle Menschen miteinschließt.

Joseph hatte sein Weihnachtsgedicht zwei Jahre hindurch wie ein intimes Geheimnis mit sich getragen – bis er in Oberndorf dem Arnsdorfer Lehrer Franz Gruber begegnete. In ihm fand er ein DU, dem er dieses Lobgedicht anvertrauen konnte, damit er die passende Melodie dazu schaffe – um es mit ihren Freunden, den Schiffern von Oberndorf, teilen zu können. Hier begegneten einander ein eheloser Priester, treu zu seiner Kirche, voller Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit – und ein Lehrer, Familienvater, aus dessen Liebe zwölf Kinder entstammten.

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