Zeitgeschichte

„Stille Nacht“ entstand in einer geschichtlich sehr bewegten Zeit: Zusammenbruch des geistlichen Fürstentums Salzburg, Ausplünderung des Landes bei den napoleonischen Kriegen, mehrmalige politische Machtwechsel, geistige Umbrüche durch die Aufklärung und die Französische Revolution. Dieser Verlust der durch Jahrhunderte gewachsenen kirchlichen, politischen und sozialen Strukturen, die Trennung Salzburgs von Bayern, die in Laufen/Oberndorf besonders schmerzlich empfunden wurde, all diese grundlegenden Veränderungen führten zur Suche nach neuer Identität.

1816 wurde die österreichische und bayerische Bevölkerung Opfer einer Naturkatastrophe nie gekannten Ausmaßes. Der Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa löste ein Jahr später in ganz Kontinentaleuropa eine dramatische Klimaveränderung aus: Weltweit sanken die Durchschnittstemperaturen um ein bis zwei Grad. Die Ernte verkam in nimmer endendem Regen und sommerlichem Schneefall. Vor allem die Bauern in Salzburg, Tirol und Oberösterreich gehörten zu den Leidtragenden. Angesichts von Missernten und Hungersnöten versanken sie in Hoffnungslosigkeit und Apathie: Die Menschen nahmen die Katastrophe als „von Gott gegeben“ hin. Das Jahr 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein.

Dazu kommt das persönliche Schicksal Joseph Mohrs, der, als „Stadtkind“ aus armen Verhältnissen stammend, das schwere Leben seiner Mitmenschen teilte. Sein Schicksal teilte er mit dem „Landkind“ Franz Xaver Gruber, der ähnlich aus ganz einfachen Verhältnissen stammte und mit dem er eng befreundet war.

Beide erlebten in ihrer Kindheit die gewaltigen Umbrüche jener Zeit, den Bruch der Traditionen, der „Säulen“ des kirchlichen Lebens. Nur die innige Gläubigkeit war übrig geblieben. Sie fand ihren Ausdruck in der Schöpfung von „Stille Nacht“.

Dieser Glaube benötigt keine fixen Traditionen. Er berührt daher die Herzen der Menschen über kulturelle, religiöse und zeitliche Grenzen hinweg.

Bild©Wochenzeitung

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